Maske:
Hilfsteufel

An der Fastnacht im alemannischen Raum ist der Teufel eine der beliebtesten Figuren. Er ist meist zur Lächerlichkeit verkommen. Dabei hätte der Teufel etwas tief Philosophisches, ist er doch einer, der alle Gesetze umkehrt. Mein Hilfsteufelchen gibt vielleicht eine Ahnung davon. Tragen lässt sich diese Maske nicht – sowenig wie alle andern, die ich geschaffen habe. Ich nenne meine Kunstobjekte denn auch «Untragbare Masken». 

 


Narreteien

Persönliches

Kleines Bekenntnis

Ich wohne im Zürcher Stadtkreis 4, dem früheren Arbeiterquartier, in dessen Strassen sich heruntergekommene Dealer und aufgepeppte Dirnen kreuzen, und habe nicht vor, wegzuziehen.

Mein Lieblingsbuch handelt von einem Narren, es ist Charles de Costers «Thyl Ulenspiegel». Von wunderbarer szenischer Kraft.

Meine Lieblingsoperette ist die «Csárdásfürstin» von Emerich Kálmán. Das zwanghaft-lustige Bühnenstück wurde komponiert, als in Verduns Schützengräben die Soldaten verbluteten.

Grübeln in der Vergangenheit ist mir ein Hauptvergnügen und immer wieder Bereicherung. Vergangenheit ist bekanntlich das einzige Gut, das stetig wächst.

Mich begleitet die Figur des «Chalamala», des Hofnaren von Gruyères seit der Mittelschule. Das untenstehende Lesestück handelt von ihm.

 

Stolz bin ich auf ein Gemälde, das ich in den 1980er Jahren mit Acryl auf eine 21 Meter lange Bauwand der S-Bahn-Baustelle Hauptbahnhof strich. Grotesk verformte Passanten, wie sie einem entgegenkommen, wenn man andere Probleme hat.


Mein Lieblingstier ist der weisse Schokoladehase an Ostern, auch er ist ein «Trickster». Den lasse ich allerdings nicht lange leben.

 

Ich liebe den Blick vom Rand. Wie will man die Mitte erkennen, wenn man selber drinhockt als fette Spinne. Nur die Mücke erkennt die Gefahr, manchmal.

Lesestück: «Das heitere Leben»

 

Die Touristen bestellen in den Gaststätten Himbeeren mit dickem Rahm. Sie knipsen den Marktplatz. Sie besuchen das Schloss. Sie knipsen die Fassaden des Marktstädtchens. Sie besteigen die Busse. Verstanden haben sie die Botschaft nicht.

Gruyères im Kanton Freiburg ist ein einziges Missverständnis. Es ist nicht die Postkartenfassade, für die es gehalten wird. Es hat eine Seele.

Warum gelang es dem historischen Marktfleck trotz des Touristenbooms nie wirklich, zum schweizerischen Vorzeigeort aufzusteigen? Nicht wegen der Konkurrenz. Gruyères ist konkurrenzlos, das schönste Städtchen der Schweiz, es sei carrément behauptet. Da kommt das in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts geschaffene Kunstheimatdörfchen Guarda nicht heran. Und Stein am Rhein ist zu sehr Kulisse. Und St. Ursanne liegt zu tief im Loch unten.

Gruyères, abgehoben über das Mittelland, ist überheblich, dissident. Es orientiert sich am hohen Moléson, nicht an der tiefgelegenen Stadt Freiburg. Seit jeher war seine Seele Freigeist. Es war schon im Mittelalter keines jener gewöhnlichen Landstädtchen, die den Herren von Bern und Freiburg Reverenz erwiesen. Die Grafen von Gruyères hatten mit den Grossmächten ihrer Zeit nicht viel am Hut. Sie liebten vor allem eines: das Leben. Und dafür brauchten sie als zweites: Unabhängigkeit. Und weil das lustige Leben eine schwierige Sache ist, die ernsthaft bedacht sein will, noch ein drittes: einen Hofnarren. Die Höhe des Burg- und Stadthügels – 800 Meter über Meer und hoch über dem regionalen Umfeld – berechtigte zu solcher Souveränität. Zudem hat man hier seine eigenen Alpen und seinen eigenen See, man lebt in einer Mini-Schweiz.

Zu den Zeiten der Greyerzer Grafen soll Wohlstand geherrscht haben in ihrem Land. Die Sage behauptet, dass die Kühe dick wie Häuser waren und dass ihre Milch ganze Teiche füllte. Einen Hirten, der beim Melken von einem Windstoss umgeblasen wurde, habe man Tage später als Leiche in der Tonne mit Milch gefunden, die er in seiner Todesverzweiflung zu Butter geschlagen hatte.

Gruyères' Hofnarr, Chalamala genannt, ist der berühmteste Vertreter seiner Zunft in der Schweiz neben dem Thuner «Fuulehung», und das Häuschen in Gruyères, das ihm zugeschrieben wird, das schönste am Ort. Die phantasievoll gestalteten steinernen Fensterrahmen erinnern an portugiesische Manuelik; die Fassade ist verziert mit stilisierten Schellen und Narrenkappen. Chalamala lebte im 14. Jahrhundert, als Angestellter des Grafen Peters IV. Er diente ihm als Spassmacher, Ratgeber, Haushofmeister und war möglicherweise Anführer einer ganzen Theatergruppe.

Jedenfalls ist dokumentarisch bezeugt, dass sein Bruder Michael ein Mime war, dass auch der Mann seiner unehelichen Tochter, diesen Beruf ausübte und dass der Hofnarr in Kontakt stand zum Mimen in Aarberg. Die Überlieferung dichtet: «Unter den geistvollsten und fröhlichsten Männern des Landes hatte er sich ein Narrengericht gewählt, in welchem er den Vorsitz führte.» Der Graf durfte darin nur ungespornt erscheinen, weil er einmal in Wut über ein Verdikt dieses Gerichts den Hofnarren mit Sporen getreten hatte. Chalamala hatte die Meinung geäussert, der Graf solle lieber seiner Geliebten treu sein, als die untreue Gattin eines Nachbarfürsten zu heiraten.

Schon das Wappen von Gruyères, der Kranich mit den flatternden Flügeln, scheint zu verkünden, dass hier exotische Vögel nisteten. Bei der Erstürmung von Jerusalem soll nach dem Sänger der Kreuzzüge, Tasso, ein Greyerzer als erster die Mauern erklommen haben. Und die lokale Tradition führt den Namen Chalamala gelegentlich auf das arabische Salem Aleikum zurück: Heil über euch. Eine naheliegendere Auffassung bringt ihn allerdings in Zusammenhang mit «le chalumeau», die Schalmei oder die Flöte. Der Hofnarr wird sie gespielt haben, er pfiff auf alles, es war sein Beruf.

Gruyères ist ein Ort mit südlichem Charme. Im Greyerzerland liessen sich denn auch Ritter aus der heiteren Provence nieder und errichteten die Burg Montsalvens wenig östlich von Broc, deren Name an Montsalvatsch, an die Gralssagen und König Artus erinnert. Die Ruine steht heute noch.

Chalamala half mit, die Unabhängigkeit dieses provenzialisch gestimmten Reiches auszubauen. Als die Berner wieder einmal den Herren von Greyerz aufs Wams rückten und letztere sich in Unterzahl sahen, geschah ein Wunder. Bei Einnachten erblickten die Berner Truppen einen Lichterzug, der sich vom Schloss Gruyères herab ergoss: eine Verstärkung, mit der sie nicht gerechnet hatten, weshalb sie sich zurückzogen. Sie erfuhren erst später, dass die Frauen des Ortes die Hörner von Ziegen mit Fackeln bestückt hatten, um den Eindruck unerschöpflicher Reservekräfte zu erwecken. Chalamala soll Urheber dieses Streiches gewesen sein, der denn auch später in einem der grossen Wandbilder des Schlosses verewigt worden ist.

Dissident ist Gruyères, weil es zu lachen versteht. Die zweihundert Einwohner des Städtchens lachen auch über die Touristen, die den Ort carschwallweise von Samstagmittag bis Sonntagabend überfluten. Man braucht sie zum Leben, mehr nicht. Und immer gehen sie ja wieder. Was bleibt, ist ihr Geld.

Chalamala verkörpert eine andere Lebensweise. Nicht nur weil er zu lachen verstand. Sergius Golowin, Chronist der «anderen» Schweiz, erzählt bei einer Vacherin-Fondue – es besteht aus purem Käse, wird ohne Alkohol zubereitet und lauwarm serviert –, dass Hofnarren wie Chalamala eine Neigung zur Travestie hätten: «Man sehe nur ihre Kleider an. Darin drückte sich eine unheimliche Fähigkeit aus, sich nicht nur ins andere Geschlecht, sondern überhaupt in die anderen hineinzuleben.»

Die ganze Gegend ist sentimental gestimmt, denn die Leute wissen, dass das Leben kurz ist. Ein Pestturm im nahen La Tour-de-Trême erinnert an die Zeit, als der Tod ganz unverschämt seine Vormacht ausspielte. Selbst der Hofnarr zeigte sich davon beeindruckt. Er erstellte im Jahr 1349, dem Höhepunkt der Pest, ein Testament, in dem er betont, dass er sich noch durchaus guter Gesundheit erfreue, aber sich bewusst sei, dass nichts sicherer sei als der Tod. Sein Testament ordnet die Güter auf sachliche Art, wie es einem gesetzten Einwohner und Hausbesitzer ansteht. Darin vermacht er seiner Frau Raynalda die Hälfte seines Hauses zur Nutzung und seiner unehelichen Tochter Jordane die Hälfte seiner beweglichen Güter; er will Messen lesen lassen für den Mimen von Arberg und bestimmt, dass an seinem eigenen Begräbnis zwölf Priester dienen sollen.

Freut euch also des Lebens. Das ist der Geist des Städtchens. Das ist die Botschaft der Himbeeren, die in den Büschen wachsen. Ihre Süsse verspricht ein heiteres Leben, ein orientalisches vielleicht. Ein anderes Leben jedenfalls als das im weiteren Freiburger Umland, wo Bergbauern in schmalen Tälern und Hirten auf ruppigen Höhen überleben mussten. Versprechen werden gerne genossen. Ist es ein Zufall, dass in Broc am Greyerzersee eine ganze Fabrik für Süsses entstand, die Schokoladefabrik Cailler?

«Das heitere Leben» erschien in der «Weltwoche» vom 11. April 1996 und wurde überarbeitet.