Maske:
Kommunist

Sowjetmacht plus Elektrifizierung, hatte Lenin gesagt, ergebe Sozialismus. Es war zu einfach gedacht. Diese Maske zu bauen, aus einem Backstein und zwei roten Lumpen, war ein Stück Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. 1968 suchte eine ganze Generation den Weg zur Gleichheit aller Menschen. Dabei hatte der kluge Zürcher Sozialist Karl Bürkli schon im 19. Jahrhundert gesagt, es gehe um die Harmonie der Ungleichen.

Lebenszickzack: Biographisches

Curriculum Vitae

 

Geboren am 27. Oktober 1948 in Kreuzlingen TG.

Als Schweizer Bürger zwar, aber mit Wurzeln väterlicherseits in Ungarn, mütterlicherseits im Schwäbischen.

 

1954–1960

Umzug der Familie nach Uitikon Waldegg, eine fette Zürcher Vorortsgemeinde, und Besuch der Primarschule. Ich war ein aufgeweckter Junge, ein Aerger für den ordnungsliebenden Primarlehrer, der mich zeitweise nur als «Meister Wottreng» ansprach. Wir ärgerten uns jahrelang gegenseitig.

 

1961–1967 

Besuch des damals neu erbauten Gymnasiums Freudenberg in Zürich Enge, mit Griechisch und Humanismus. Da zeichnete ich Plakate für Konzerte und entwarf Kostüme für Schülertheater. Und engagierte mich als Präsident der Schülerorganisation.

 

1967–1971 

Phil-I-Studium in Zürich, Aufenthalte in Frankfurt am Main und Marburg. Studiert haben wir nicht so viel, mehr diskutiert – im Odeon, im Select, im Malatesta. Aber es waren zweifellos gute Zeiten. 

 

1968 und folgende 

Redaktor des «zürcher student», Vorstandsmitglied des Verbandes Schweizerischer Studentenschaften VSS und aktiv in der sogenannten Achtundsechzigerbewegung. Wo ich in die maoistische Szene geriet, die anfangs besonders freiheitlich schien und dann in totalitärer Enge verendete.

 

1971 

Studienabschluss als Magister Artium MA in Marburg / Lahn in Philosophie, Politologie und Geschichte. Meine Prüfungen abgenommen haben Wolfgang Abendroth und Hans Heinz Holz.

 

1971–1978 

Lehrer für allgemeinbildende Fächer an der Gewerbeschule Zürich (heute: Berufsschule). Ich habe mich engagiert im Unterricht, doch irgendwann legte sich meine Lust, von der Arbeit müden Maurern und in der Schulwärme hindösenden Sanitärmonteuren Bildung beibringen zu wollen.

 

1979–1986 

Buchhändler mit eigener Buchhandlung für Politik, Geschichte, Literatur (Buchhandlung «Seefeldstr. 71», dann an der Stauffacherstrasse 151). Na ja, das Sortiment war doch eher eng.

 

1987–1993 

Alleinredaktor (und Buchhalter und Zeitungsverträger) der SBB-Kundenzeitschrift «Bahnhofblatt», die im Zusammenhang mit der Planung der S-Bahn und dem Projekt der Gleisüberbauung HB Südwest erfunden worden war.

 

1993–1997 

Freier Journalist BR im Pressebüro «puncto» in Bern, Artikel für NZZ (Wochenende), Tages-Anzeiger, Weltwoche u. a. Schwerpunktthemen «Alltagskultur und Kulturgeschichte». Jede Woche 1, 2, 3 Artikel schreiben, kommt mir allerdings mit der Zeit mühsam vor. Wie Salami-scheibeln.

 

1994–1998 

Mitarbeit auf dem Pressebüro der Universität Zürich und Entwicklung des Magazins «Uni-Report» – mit dem Presseverantwortlichen Heini Ringger. Das Produkt erhielt 1999 eine Auszeichnung der Schweizerischen Akademie der Naturwissenschaften.

 

1997–2002 

Redaktor «Weltwoche», nacheinander für die Bereiche «Forum», «Extra», «Inland». Mein liebstes Stück: ein Artikel über die Schwierigkeiten, Verpackungen aller Art sauber zu öffnen («Aufriss in der Küche»): Hinauswurf durch den neuen Chefredaktor Köppel, der das Boot auf Rechtskurs brachte.

 

2002-2013

Redaktor bei der «NZZ am Sonntag», im Ressort «Hintergrund und Meinungen». Entwicklung und Betreuung der Kolumne «Nachruf», die gemäss wiederholten Publikumsbefragungen beliebt war. Bis zu meiner Pensionierung habe ich knapp 500 Nachrufe geschrieben. Miniaturen zur Lokal- und Weltgeschichte.

 

 2010-2012

Dozent am Medienausbildungszentrum MAZ für den Kurs «Die grosse Kiste». Wie schreibe ich ein Sachbuch - samt Finanzierung, Verlagssuche, Rechtsfragen. 

 

2014

Ich bin AHV-positiv und vermisse keine Tagesstruktur in einem Büro.

 

ab 2014

Ich wirke als Geschäftsführer der Radgenossenschaft, der traditionsreichen Dachorganisation der Schweizer Jenischen und Sinti. Meine Motivation für die Übernahme dieses schwierigen Jobs: Man hilft Freunden dann, wenn sie in Schwierigkeiten sind, nicht wenn es ihnen gut geht. Der Rassismus, der sich gegen diese Organisation richtete, war unerträglich. Wir haben es geschafft, dass die Jenischen und Sinti heute als nationale Minderheit anerkannt sind. Und manchmal sagt der Präsident zu mir: "Du bist vom Typ her ja fast ein elsässer Jenischer."

 

2015

Im neuen Lebensabschnitt darf ich noch einmal neu anfangen. Mein erster Roman erscheint: "Lülü". Literarisches Schreiben ist ein Sprung ins Reich der Freiheit. Bei historischen Biographien ist der Autor immer ein wenig Schmarotzer, er lebt vom Leben anderer. Beim Roman erfindet er auf weissen Seiten eine neue Welt.

 

2017

Mein zweiter Roman erscheint: "Denn sie haben daran geglaubt". Ueber alternde Achtundsechziger und das einstige Sympathisantenmilieu des Terrorismus. Weitere Arbeiten folgen.

 

 

Frühling 2017

Kandidat auf der Gemeinderatsliste der Alternativen AL im Kreis 3/4. Ein bisschen Unruhe muss sein.

 

2018

Zu meinem Siebzigsten gebe ich in meinem eigens dafür gegründeten "Chalamala"-Verlag eine Publikation zu Herkunftslinien meiner Lebenspartnerin Gertrud Germann und von mir selber heraus: "Graue Flecken in Familiengeschichten. Zwei Studien über jenische Milieus in der frühen Neuzeit." Darin verfolge ich die Linie von Gertruds Mutter namens Messerli ins Rüschegg-Gebiet, und die Linie der Namensträger Wottreng oder Vautrin. Sie führt zurück ins damals ungarische Banat und dort aller Wahrscheinlichkeit in ein Milieu von "deutschen Zigeunern", wie die Volksgruppe offiziell hiess. Und zuvor ins ärmste Milieu von französisch Lothringen, wo nach dem dreissigjährigen Kreg viel Bauernproletariat lebte. Unter anderem meine Vorfahren, die ihre Heiratsurkunde  mit je einem Kreuzchen unterschrieben. (Wottreng: Familiengeschichten über jenische Milieus, ISBN: 978-3-033-06675-5, zu beziehen beim Autor für Fr. 10.- plus Versandspesen)

 

 

 

Film-Berichte

 

Kurzinterview im „Tages-Anzeiger“ über den Tod:

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Der-Tod-ist-schlicht-ein-Schrecken/story/12495988


Trailer zum Film von Veronika Minder, „My Generation“:

http://www.art-tv.ch/8915-0-My-Generation.html


Art-TV über die Ausstellung „Zürich bewegt“ im Stadthaus Zürich:

http://www.internettv.ch/regionen/zurich/zuerich-bewegt


Kulturplatz des Schweizer Fernsehens über das Buch „Deubelbeiss & Co“:

http://www.srf.ch/player/tv/kulturplatz/video/deubelbeiss-amp-co--–-die-geschichte-des-legendaersten-gangsterduos-der-schweiz?id=d1fee469-e0f8-4744-8007-91fe8cbc1a9b (nicht mehr abrufbar)

 

Kultuplatz des Schweizer Fernsehens über das Buch "Denn sie haben daran geglaubt", Interview mit dem Autor über 1968, 27. April 2017

https://www.srf.ch/kultur/literatur/niemand-redet-ueber-die-schweizer-raf-sympathisanten

 




Preise

1994 

Zürcher Journalistenpreis für einen Text über den 31er Multikulti-Bus in Zürich.

 

1997 

Kulturelle Ehrengabe der Stadt Zürich für das Buch zur Zürcher Kriminalgeschichte «Nachtschattenstadt»

 

2003 

Werkbeitrag der «Pro Helvetia» für das Buch «Die Millionärin und der Maler».

 

2006 und 2008 

Rangierung als «Kulturjournalist des Jahres 2006» (3. Rang) durch die Fachpublikation «Schweizer Journalist». Dieselbe Rangierung zwei Jahre später.

 

2010 

Förderbeitrag der UBS-Kulturstiftung für das Buch «Zigeunerhäuptling»

 

Vor ziemlich langer Zeit  Im österreichischen Bad Kleinkirchheim habe ich in den 1990er Jahren – kein Witz – einen «Schnaps-Preis» gewonnen für eineTagi-Reportage übers Schnapsbrennen 
 

 

 

   
   
   

Ausstellungen

1991 

«DDR – Deutsche Dekorative Restbestände», Ausstellung als Kurator, zusammen mit jungen Puppenspielern aus Ostdeutschland, über die Reste des einstigen DDR-Alltags, den sie als Jugendliche erlebt hatten, im Off-Scene-Raum «Kunsthaus Oerlikon» an der Konradstrasse.

 

1992 

«Ueberlebenskunste», Kunstausstellung in der Zivilschutzanlage Antoniusschacht Zürich, zusammen mit Andreas Niederhauser, im Rahmen des «Kunsthauses Oerlikon». Darin etwa ein recht früher Auftritt von Pipilotti Rist.

 

2002 

«Nomaden in der Schweiz». Ausstellung im Stadthaus Zürich, zusammen mit dem Fotografen Urs Walder, dessen Fotos den Kern der Ausstellung bildeten, zur Kultur der Jenischen, Sinti und Roma in der Schweiz.

 

2005 

«zunderobsi – Revolutionäre Zürcher/Innen», Ausstellung im Stadthaus Zürich über eigenwillige Zürcher Persönlichkeiten, ich wirkte als Kurator zusammen mit Heinz Kriesi als Gestalter. Dazu erschien eine Begleitpublikation, gestiftet vom Bankier Hans Vontobel.

 

2006 

«Zürich 4 Paris 18» – Eine Städtepartnerschaft zwischen zwei Aussenseiterquartieren, organisiert vom «Verein 2x2». Ich weilte 2006 für zwei Wochen in Paris, habe dort das dunkelhäutigste Quartier – die Goutte d Or – erleben dürfen und habe die Textarbeit dann an einer Ausstellung im Zeughaus präsentiert.

 

2008 

«Kriminell» – Eine Ausstellung im Stadthaus Zürich zur Zürcher Kriminalgeschichte des 20. Jahrhunderts. Mit 24 Fallbeispielen. Mit Heinz Kriesi als Gestalter. Ein Teil der Ausstellung wird heute präsentiert im nichtöffentlichen Museum der Stadtpolizei Zürich unterm Lindenhof. 

 

2011

Ausstellung im Stadthaus Zürich unter dem Titel «Zürich bewegt». Mit 600 Pressebildern und einer wunderbaren Installation von Heinz Kriesi. Wie auf Filmstreifen zog die Stadtgeschichte seit 1950 an einem vorbei.

 

2015

"Skizzen kritzeln – Wenn die Hand denkt", Ausstellung über ein unbekanntes Medium, die Krizelei von Hand. Zusammen mit Nadine Schneider, Josiane Imhasly und Heinz Kriesi.

 

2017

Mitwirkung als Kurator an der Wanderausstellung der Radgenossenschaft "Deine unbekannten Nachbarn - Das Volk der Jenischen und die Sinti", mit der bewährten szenischen Hilfe von Heinz Kriesi und dem grafischen Gestalter Markus Roost. Die Ausstellung wurde schon an der Hochschule Luzern, an der Hochschule Basel und anderswo gezeigt.

 

   
   
   
   

Kreis 4

Seit 1953 

Schulbesuch und Jugend in einer Mittelstandssiedlung hinter dem Uetliberg, wo man hinaufblickte zur nächsten Renommierstufe (Schwimmbad, Dienstmädchen, Direktortitel, Porsche). Doch wurde ich früh hinabgezogen in die Niederungen des Kreises 4.

 

1956 

Etwa als achtjähriger Knirps machte ich mit in der Jugendorganisation der «Wölfli» im Kreis 4. Abteilung «Walter Tell» mit den gelben Wolfskopf-Abzeichen am Aermel, Besammlung hinter der Kirche Peter und Paul. Ich erinnere mich an Zeitungssammlungen im Quartier.Irgendwann wurde ich Wölfliführer; frei vom Willen, Direktor zu sein, war ich offenbar nicht.

 

1958 

Kurze Zeit später besuchte ich den Handorgelunterricht bei einem Herrn Bodenmann neben dem damaligen Cooperativo am Werdplatz. Ueber einen silbernen Kranz kamen wir an den Folkloretournieren nie hinaus. Die heimliche Liebe zur Folklore hatte ich aber noch in mir, als wir später die Internationale sangen.

 

1976 

Mitte siebziger Jahre zog ich als Wochenaufenthalter in den Kreis 4 – das berüchtigte Aussersihl –, zuerst an die Hohlstrasse, dann an die Müllerstrasse, wo ich eine Buchhandlung führte. Heute lebe ich da an der Stauffacherstrasse. In der Nähe wohnt auch meine Partnerin. Die Bäckeranlage ist unser Garten.

 

2009-2016

 

 

 

 

wirkte ich mit in der «Kulturintendanz Rosengarten», die im einstigen Restaurant Rosengarten an der Kalkbreite Veranstaltungen anbietet. Die Initiative ist ein Ableger des genossenschaftlichen Überbauung an der Kalkbreite, die in energiepolitischer wie sozialpolitischer Hinsicht pionierhaft sein will.

 

2017 

 

 

 

 

Ich lasse mich aufstellen im Stadtkreis 4/5 als Kandidat der AL, Alternativen Liste, für die Gemeinderatswahlen 2018. Ich unterstütze die AL in diesen Wahlen, weil ich finde, es braucht eine Kraft mit autonom denkenden Köpfen - und ein sozial engagiertes, urban orientiertes Sammelbecken. 

 

 
Es braucht lange, bis man sich in einem Stadtteil zu Hause fühlt wie in einem Dorf. Doch je länger ich hier wohne, um so mehr weiss ich, dass es Geheimnisse gibt und gab. – Wie war das zum Beispiel mit den Stadt-Jenischen rund um die Hellmutstrasse? Eines von vielen unerforschten Kapiteln, Jenische haben mir davon erzählt.  
   
   
   

Lesestück: «Zur Familiengeschichte»

 

Zigeunermilieu im einst ungarischen Banat

 

Noch Anfang 20. Jahrhundert sind in den drei Schwestergemeinden im Banat nahe der Stadt Kikinda sieben Familien Wottreng verzeichnet, die weiterhin keine Vertreter der Obrigkeit stellten. Der Erwähnung wert gefunden wird dagegen von Dorfhistorikern die 1912 erfolgte Gründung der «St. Huberter Wottreng'schen Musikkapelle». Diese Kapelle entstand als Nachfolgerin einer Gruppe des weitherum bekannten Kapellmeisters Josef Kadi, der in St. Hubert wohnte und im Jahr 1912 dort verstarb; er hatte mehrere Musikergenerationen herangebildet.

 

Initiant der «St. Huberter Wottreng'schen Musikkapelle» war Wilhelm Wottreng – Schaschang Wilm genannt und Schnapsbrenner, Sohn des andern um 1850 geborenen Mathias Wotreng und damit ein Grosscousin unseres Grossvaters Johann. Eine Foto zeigt ihn in seiner Schnapsbrennerei.

 

Schaschang Wilm war – vielleicht durch Vermittlung des Kapellmeisters Josef Kadi, der wiederholt in der Familie als Taufpate in Erscheinung tritt – in seinen jungen Jahren Mitglied eines Wiener Orchesters gewesen. Schaschang Wilms Kapelle umfasste zwei bis drei Violinen, ein Cello, zwei Bratschen und eine Bassgeige und spielte häufig in Restaurants auf, mit Csárdás, Mazurka, Walzer, Polka und dergleichen. Schwäbische Volkslieder scheinen jedenfalls nicht das Hauptrepertoire ausgemacht zu haben. Diese Wottrengsche Musikkapelle spielte noch bis in die zwanziger Jahre.

 

Das musikalische Element scheint in der Sippe stark gewesen zu sein. Schwester Eva heiratete einen Musiker namens Audì, offensichtlich einen ungarischstämmigen Mann. Ein Franz Wottreng, der in der Wottreng’schen Musikkappelle das Cello spielte, soll mit seinem Spiel «die Seelen zum Weinen» gebracht haben, dergestalt, dass sich anlässlich eines Restaurant-Konzertes ein tieftraurig gewordener Jäger an der Bar glatt eine Kugel durch den Kopf schoss. So erzählt sein in Kärnten lebender Sohn Peter Wottreng, der in jungen Jahren selber als Cellist in Orchestern in Kikinda mitgewirkt hatte.

 

Ein Familienbild aus dem Jahr 1911 in St. Hubert demonstriert Geselligkeit bei Wein und Musik. Ich habe es von Peter Wottreng erhalten. An der Gitarre sieht man gemäss dessen Erklärung und einer Aufschrift in Bleistift seinen Vater Franz Wottreng im Jahr 1911.

 

Spätestens bei der Musikkappelle stellt sich die Frage, ob in der Familiengeschichte der Wottreng im Banat auch Einflüsse von Zigeunern – wie Roma damals hochamtlich genannt wurden und wie sie sich angeblich auch selbst bezeichneten – mitwirkten. Peter Wottreng aus Kärnten wehrt solche Ideen strikt ab. Nein, mit Zigeunern habe man nichts am Hut. In seiner Heftigkeit meine ich ein bisschen deutsche nationalistische Ablehnung der dreissiger Jahre gegen Rumänisch-Fremdstämmiges zu spüren. So wie manche Donauschwaben sich im Rückblick zu einer irgendwie reinen Volksgruppe stilisiert haben.

 

Verbürgt ist indessen, dass im Banat Roma- Familien lebten – sie kommen in Schilderungen über das örtliche Leben immer wieder vor – und dass jedenfalls fünf Personen im Ort St. Hubert um 1920 als Muttersprache «zigeunerisch» angaben. Die «Zigeuner» in St. Hubert hatten übrigens die typische gesellschaftliche Stellung am Rand und übten eine nur ihnen vorbehaltene Spezialaufgabe aus: Sie waren die Schinder und mussten Tierkadaver einsammeln, wenn sie nicht, so meine Vermutung, Taglöhner-arbeiten verrichteten.

 

In etwas genereller Art sagt der Roma-Kenner Charles Godrey Leland, dass eigentlich alle Schwaben der Region mit dem «Zigeunertum» in Kontakt gestanden hätten und teilweise von Zigeunern abstammten. Eine Bevölkerungsstatistik des Temeschwarer Banats – wie das auf Deutsch hiess – zählt im 18. Jahrhundert von 320 000 Menschen rund 180 000 Walachen,

79 000 Raizen, 8000 Bulgaren, 5000 Zigeuner, 43 000 Deutsche, Italiener und Franzosen sowie 350 Juden. Sicher lebten die Wottreng-Familien also in einem Umfeld, in dem es Roma gab. Vermischungen sind denkbar. Dies auch schon vor der Einwande-rung ins Banat, gilt doch Lothringen als ein Schwerpunkt-Lebensraum von Sinti und Roma, seit diese in Deutschland marginalisiert sind.

 

Vielleicht findet sich ein Hinweis auf die ethnischen Verhältnisse im Banat im 65 Kilometer entfernten oder nahen Timisoara, dem Hauptort des Banats. So schreibt der im Banat geborene Musikwissenschafter Franz Metz, der nach München ausgewandert ist, dass um 1850 in der Stadt Temeschwar/ Timisoara in einem Ortsteil, der Fabrik genannt wurde, gemäss Statistik etwa 180 «deutsche Zigeuner» gelebt hätten, die sich in zahlreichen Musikkapellen betätigten. Etwas später seien alle Zigeuner in der Stadt registriert worden: «1784 waren von den 50 Zigeunerfamilien 30 deutsche. Von diesen betrieben 36 das ‹Musikantenhandwerk›.» Sie betonten ihre «deutsche Abstammung» und trugen «deutsche Namen», schreibt Metz, und seien eingewandert aus «Österreich zur Zeit Maria Theresias». In den späten 1920er Jahren hätten die Volksmusiker eine regelmässige Prozession zu einer Schwarzen Madonna im nahen Wallfahrtsort Rekasch/Recas veranstaltet, die man «Zigeunerprozession» genannt habe.

 

Tatsächlich sind «deutsche Zigeuner» im Banat schon 1839 belegt. Woher kamen diese wirklich? Waren das nun zugewanderte Roma, waren das zugewanderte Deutsche, oder liegt noch etwas anderes vor? Wie häufig bei Fragen um die Identität von «Zigeunern» wird es kompliziert. Entsprechend sind die Meinungen widersprüchlich.

 

Der in Singen lebende Alexander Flügler, ein führender Kopf der jenischen Volksgruppe in Deutschland, schaut sich zusammen mit «Bemp», einem bekannten alten Jenischen, die Auswahl von 18 Familiennamen der deutschen Zigeuner aus Temeschwar an, die der Musikwissenschafter Metz publiziert. Ihre Schlussfolgerung: Einige seien Namen, die Jenische führen würden, einer oder zwei Sinto-Namen, einer der Namen scheine jüdisch zu sein, ein Name sei der einer Schaustellerfamilie.

 

Der letzte Hinweis kann ein Schlüssel zum Verständnis sein. Im Schausteller- und Unterhaltungsgewerbe kommen bis heute die verschiedensten Gruppen von Menschen zusammen: Jenische, Sinti, Roma, gewöhnliche Randständige und Gelegenheitsarbeiter.

Das allerdings erlaubt es, die Musikanten und Schnapsbrenner und die Schauspielerin der Wottreng vermutungsweise diesem Milieu der deutschen Zigeuner zuzurechnen, das gemäss den verschiedenen Erklärungen ein Völkergemisch gewesen sein muss und auch in einzelnen Dörfern abseits von Timisoara bezeugt ist. Im Juni 2018 begegnete ich an einer Konferenz über Roma in Strassburg der serbischen Roma-Politikerin Sonja Barbul; was sagt sie mir? Dass sie selber eine «deutsche Zigeunerin» sei, geboren in Kikinda, der Stadt, woher mein Grossvater kommt! Es gab sie also auch hier!

 

 

Textauszug aus: Europäische Geschichte von unten und vom Rand. Eine Familiensage führt nach Ungarn und Lothringen.

In: Willi Wottreng: Graue Flecken in Familiengeschichten, Zürich 2018. ISBN: 978-3-033-06675-5. Gratis erhältlich beim Autor