Maske:
Zulu

Von aussen gesehen, wirken die Lebenswelten der anderen exotisch; von innen sind sie Alltag. Die indigenen Völker Afrikas, Polynesiens oder des Amazonasgebietes haben für ihre Masken das Material ihrer Umgebung gebraucht, das sich finden liess. So schien es mir berechtigt, meine Objekte mit Materialien zu collagieren, die sich auf der Strasse oder auf meinem Pult fanden: Caran d’Ache-Farbstifte bei dieser Maske eines Farbigen, von einem Europäer gezeichnet.

 


Blüten der Menschheit

Radgenossenschaft der Landstrasse

Seit Oktober 2014 wirke ich als Geschäftsführer der Radgenossenschaft der Landstrasse, der vor vierzig Jahren gegründeten traditionellen Organisation der Jenischen und Sinti. Ich habe mich nach Krisen zur Verfügung gestellt gemäss dem Motto: Freunden hilft man dann, wenn sie in Not sind. 

 

Nun erlebe ich allerdings mit Entsetzen, wie Missgunst, Bösartigkeit und Unverständnis sich vereinen, um diese Organisation zu drangsalieren. Auch der Bund, der sich durch internationale Vereinbarungen verpflichtet hat, die Minderheit der Fahrenden zu schützen und zu fördern, tut vieles, um die Organisationen der Mindheiten de facto zu bevormunden. Im Fall der Radgenossenschaft schneidet er ihr derzeit immer mehr die Luft ab. 

 

Die Bundespolitik gleicht in vielem dem, was die US-Behörden und die kanatdische Regierung in den vergangenen Jahrzehnten gegenüber den indigenen Minderheiten praktiziert: Assimilation statt Anerkennung.

 

Jenische, Sinti und Roma

 

«Der andere Blick»

Menschen «am Rand» haben mich immer interessiert. Denn sie sind die Mitte einer andern Welt. Aus ihrer Sicht verändert sich, was wir für die normale Welt halten: die unsere. Sind wir nicht alle kleine Terroristen des Alltags, die meinen, schon immer gewusst zu haben, was richtig und falsch ist. Ich plädiere für Ferien vom Alltagsblick.

Anfang der 1990er Jahre kam ich erstmals für eine Reportage in Kontakt mit Jenischen – den «Zigeunern» schweizerischer Herkunft. Und bin seither beim Thema geblieben. Im Jahr 2002 hatte ich die Möglichkeit, zusammen mit dem Fotografen Urs Walder eine Ausstellung im Zürcher Stadthaus gestalten: «Nomaden in der Schweiz – Jenische, Sinti Roma». Dies im Auftrag der «Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz» sowie in Zusammenarbeit mit der «Radgenossenschaft der Landstrasse» und dem «Zigeunerkulturzentrum». Jenische sollten symbolisch für einmal vom Stadthaus Besitz ergreifen. Sie dankten es mit einem spontanen Musik- und Tanzfest nach der Vernissage – in den heiligen Räumen.

«Zigeuner» sind Menschen ganz unterschiedlicher Volksgruppen. In der Schweiz leben vor allem Jenische, Sinti und Roma. Da hierüber immer wieder Missverständnisse bestehen, hier eine kurze Begriffsklärung:

«Jenische» wohnen seit Jahrhunderten in unserem Land; sie waren früher vor allem als wandernde Händler, als Korber und Schirmflicker und unterwegs. Jenische haben – um es ein wenig simpel und gefährlich auszudrücken – meist eine helle Gesichtsfarbe und sprechen neben dem Schweizerdeutschen Jenisch, eine Art fünfte Landessprache. Was das Wort «Jenisch» bedeutet, ist nicht geklärt. Jenische besitzen meist einen Schweizer Pass, zahlen Steuern und Krankenkassenbeiträge.

Manche von ihnen sind mit «Sinto»-Angehörigen verheiratet. Die Sinti sind in ganz Westeuropa zu Hause, haben eher eine dunkle Gesichtsfarbe und sprechen die Sinto-Sprache, die sie als eigentliche Zigeunersprache betrachten.

«Roma» ist ein Sammelname für Stämme aus Osteuropa und dem Balkan. Sie sprechen Romanes und sind vielfach sesshaft. Mit den Immigranten aus dem Kosovo, aus Bosnien, Rumänien oder der Tschechei sind Tausende Menschen in unser Land gekommen, die den Pass dieser Länder besitzen, aber Roma-Volksgruppen angehören. Sie arbeiten als «Bosnierin» im Spital, als «Albaner» auf dem Bau. Stolz sind alle Stämme auf den Namen «Rom», der «Mensch» bedeutet. Ich durfte eine Reportage über die Roma in der Schweiz schreiben. («Lieber in der Schweiz Ausländer sein als Zigeuner zu Hause, in «Weltwoche» Nr. 16 vom 16. April 1998.) Zudem habe ich mit Unterstützung der «Pro Helvetia» Roma-Flüchtlinge in Bosnien besucht und darüber berichtet. («In der Heimat gestrandet. Tagebuch einer Bosnienreise, in «Weltwoche» Nr. 36 vom 9. September 1999).

Wichtig: Die Schweiz hat die schweizerischen Fahrenden als nationale Minderheit anerkannt (mit der Ratifizierung des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten), und sie hat das Jenische als territorial nicht gebundene Sprache der Schweiz anerkannt (mit der Ratifizierung der Europäischen Sprachencharta).Da umgangssprachlich hierzulande Jenische meist als Fahrende bezeichnet werden, kann man also pauschal auch sagen, dass die Jenischen als nationale Minderheit anerkannt sind. Die Sache gibt manchmal zu Haarspaltereien Anlass.
Manche unter Jenischen, Sinti oder Roma wollen nicht als «Zigeuner» bezeichnet werden, da sie darin ein Schimpfwort sehen; andere schmücken sich umgekehrt gerade mit diesem Namen, beispielsweise die Betreiber des «Fahrenden Zigeunerkulturzentrums».

Meine Freunde vom Zigeunerkulturzentrum, Maria Mehr, David Burri, aber auch Serge und der Dichter Romed Mungenast, haben mir hin und wieder erlaubt, eine Prise Poesie aus dem jenischen Sprachschatz zu geniessen. Einige Wortbeispiele:

«Fladeri» – Arzt (Vielleicht kommt das von fleddern, stehlen.)
«Scheinling» – Augen (Sie beleuchten die Landschaft.)
«Biberling» – Winter (Die Zeit, in der man zittert; das Wort wird auch für Kühlschrank verwendet)

Das schönste Wort ist «weitschmusen». Es bedeutet telefonieren.


 

Hatz gegen Jenische in Wikipedia

 

Das Internet-Lexikon Wikipedia behauptet unter dem Stichwort Jenische: «Als nationale Minderheit oder als Volksgruppe sind Jenische in keinem europäischen Staat anerkannt». Das Gegenteil ist wahr: In der Schweiz sind sie unter dem Titel Fahrende als nationale Minderheit anerkannt, und die jenische Sprache ist ausdrücklich als Minderheitensprache geschützt. (Siehe Homepage admin.ch, Bundesamt für Kultur /Themen /Sprachen und kulturelle Minderheiten / Fahrende /Anerkennung als nationale Minderheit, aufgerufen am 28. Juli 2008.)

Hintergrund dieses seltsamen Wikipedia-Eintrags ist der Versuch, jenische Kultur zu leugnen. Im Herbst 2007 spielte sich in Wikipedia ein seltsames Schauspiel ab. Abend für Abend konnte man verfolgen, wie Nichtjenische auszogen, um Jenische zu kujonieren, oder wie sie es sagen würden: «mit Argumenten» zu widerlegen. Dass Jenische dort gleichsam ein kleines Camp errichtet hatten, indem sie im Stichwort Jenische eben ihre eigenen Ansichten zum Thema darstellten, war den Nichtjenischen ein Schmutzfleck in der geordneten Landschaft, schien es doch den Bauregeln und der Zonenordnung von Wikipedia zu widersprechen. Und so machten sie sich eben Abend für Abend auf, um die Leute zu verhöhnen und virtuell abzuwatschen und das Camp abzubrechen. Und wenn grad kein Forstmeister zuschaute, durften die Schläge an die Nieren gehen.

Besonders hervor tut sich ein Autor namens Kiwiv, der sich seit Jahren bemüht, nachzuweisen, dass die Jenischen als eigene Volksgruppe nicht existieren. Womit er sich einreiht in die anhaltenden Versuche, nach der nicht gelungenen Vernichtung der jenischen Familien nun wenigstens ihre kulturelle Identität zu brechen.

Nun: Jenische werden auch im Internet den längeren Atem haben, weil es für sie um Existentielles geht, während die Jenischenjäger letztlich nur der jenischen Widerstandsgeschichte eine weitere Episode hinzufügen.

 

Lesestück: «Eine dumme Geschichte»

 

Acht Jahre Zuchthaus hatte der Staatsanwalt beantragt, Freispruch der Verteidiger. Die Anträge hätten kaum weiter auseinanderliegen können. Zweieinhalb Jahre verhängte schliesslich das Gericht. Doch damit war das Verfahren nicht zu Ende.

Erster Blick auf das Geschehen:
Ein alter Clochard am Rande der Autobahn hat auf Jugendliche geschossen, die ihn hänselten. Einen Achtzehnjährigen traf er voll ins Herz, dieser fiel sofort zusammen und verblutete im Tram, mit dem ihn seine Kollegen ins Spital bringen wollten. Ein Drama am Rand der Zürcher Agglomeration, in Schwamendingen, wo ein Einkaufszentrum zum Freizeittreff geworden ist.
Ein Clochard im eigentlichen Sinn ist der Täter nicht, er gibt von Beruf «Alteisenhändler» an, als sein Fall 1999 vor dem Zürcher Geschworenengericht zur Verhandlung kommt. «Und Eisenleger war ich auch noch.» Der untersetzte Mann atmet schwer, hin und wieder braucht er ein Sauerstoffgerät. Der starke Raucher ist lungenkrank.

«Wo sind Sie aufgewachsen?» fragt der Richter. «Einmal da und einmal dort, wir sind mit einem Handwagen umhergezogen. Wer nicht gehen konnte, ist obenauf gehockt.» Schulen? «Praktisch keine.» Was ist Ihr Vater gewesen? «Der hat Pfannen verzinkt und solche Sachen.» Herr Moser ist von seiner ersten Frau geschieden, seine derzeitige Lebenspartnerin wohnte im zweiten Wohnwagen auf dem Areal. Haben Sie sonst noch Bekannte? «Ich verkehre praktisch mit niemandem.» Schulden? «Nein.» Aber Sie hatten wiederholt Betreibungen wegen Steuern! «Wenn ich nichts verdiene, kann ich auch nichts bezahlen.»

Zweiter Blick:
Die Anwohner bezeugen, der Jenische sei immer freundlich gewesen. Er wohnte zwar unter der Brücke mit seinem Wohnwagen, aber dort unten sei immer aufgeräumt gewesen. Selbst Blumen habe er angepflanzt im Wrack des Segelflugzeuges, das im Areal liegt. In altertümlichem Schweizerdeutsch sagt der Angeklagte über seine Beziehungen zu den Nachbarn: «Ich hatte nie ein Widerwort.» Und zum fraglichen 7. Februar 1997: «Ich war am Schlafen, als ich vom Lärm der Steine und Zweiliterflaschen geweckt wurde, die aufs Dach geworfen wurden. Es hat wahnsinnig getätscht…» Der Staatsanwalt will von vornherein kein falsches Mitleid bei den Geschworenen aufkommen lassen: «Es geht hier um ein Tötungsdelikt.»

Dritter Blick:
Die Polizeifotos aus den beiden Wohnwagen zeigen weisse gestickte Vorhängchen. Der Alteisenhändler war pingelig. Dass auf dem Terrain, wo er seit 16 Jahren wohnt, immer aufgeräumt ist, wird ihm zum Vorwurf gemacht. Die Polizeisachverständigen haben nach der Tat jedenfalls nicht viel von den angeblichen Gegenständen gefunden, die hinuntergeworfen worden seien. Staatsanwalt und Geschädigtenvertreter deuten sogar an, der Mann habe sich wie ein richtiger Einfamilienhausschweizer verhalten. Einfach zur Knarre gegriffen, als die Jungen draussen lärmten, die vom «Glatt»-Zentrum kamen. Wie ein «Superschweizer-Einfamilienhausbesitzer», meint der Geschädigtenvertreter. Vor seinem Garten war im Lauf der Jahre ein Einkaufszentrum – das «Glatt» – errichtet worden. Ein solches bringt nun einmal etwas Betrieb. Und deshalb wild herumzuschiessen geht einfach nicht an. Nicht nur starb in der Folge ein junger Mann. Der Vater des Verstorbenen, der alle Hoffnung auf seinen ältesten Sohn setzte, ist seither psychisch schwer krank und arbeitsunfähig. «Er kann bis heute nicht einmal weinen», erläutert sein Hausarzt. Gualtiero, das Opfer, war einer der wenigen Zweitgenerations-Italiener, die den Eintritt ins Gymi geschafft haben, sprach Englisch, Italienisch, Deutsch und lernte Latein. «Unsere Familie wurde zerstört», sagt die Mutter, die vor Gericht auftritt, eine ruhig sprechende, schöne Frau.

Vierter Blick:
Der Betrieb war rege, seit das McDonald's im «Glatt»-Zentrum aufgegangen war. Jahrelang hänselten diese oder andere Jugendliche den Mann unter der Brücke. Es sprach sich herum, dass er sich leicht provozieren liess, also provozierten sie noch mehr. Im Winter warf man Eisbrocken hinunter, die Jugendlichen sprechen allerdings von Schneebällen. Im Sommer waren es gelegentlich faustgrosse Steine. «Chum ufe», riefen sie dem zu, der offensichtlich nicht in der Lage war, schnell irgendeine Treppe hochzusteigen. «Zigüüner, chum ufe.» Ein Dutzend von ihnen werden vorgeladen, und alle beteuern, dass sie selbst keine Gegenstände hinuntergeworfen haben. «Z‘trinke vielleicht und Röhrli», gibt einer zu. Ganz ausschliessen will aber keiner, dass andere aus der Gruppe Steine geworfen haben könnten. Vielleicht kleine Kiesel, die an jedem Strassenbord liegen. Von Fahrrädern und Einkaufswagen, die aufs Dach des Wohnwagens schepperten, wollen sie nichts gehört haben. Moser sagt in emotionalem Ausbruch: «Jahrelang hat man Züügs heruntergeworfen und, und, und… Ich habe denen ja nie etwas zläid getan.»

Fünfter Blick:
Einen «Aspekt besonderer Skrupellosigkeit» erkennt Staatsanwalt Ulrich Weder im Handeln des Täters. Er ist hart, ein SP-Staatsanwalt, aufgewachsen in einem populären Zürcher Stadtkreis, wo man nahe bei Randfiguren lebt. Moser griff zuerst zur Schreckschusspistole. Nach dem zweiten Schuss klemmte diese. Dann packte er ein durchgeladenes Flobertgewehr, Kaliber 22 Long Rifle, das in der Küche stand. Wer hat schon ein durchgeladenes Gewehr in der Küche stehen? Damit gab er einen Schuss ab in jene Richtung, wo die Jugendlichen auf der Brücke standen. Die Entfernung beträgt gut fünfzig Meter. Dass der Mann wirklich ein Zigeuner ist, tue wohl nichts zur Sache, findet der Staatsanwalt, «auch bei Jenischen ist Gewalt kein Kulturgut».

Das hat er aus den Ausführungen des Schriftstellers Sergius Golowin herausgehört, der «als Experte jenischer Ethnologie» vor das Geschworenengericht gerufen wird. Der Alteisenhändler wiederholt nur: «Ich habe auf niemanden geschossen, was wahr ist, ist wahr.» Aber er hat getroffen. «Und wozu haben Sie sich dieses Gewehr angeschafft?»– «Ich pflegte Ratten zu jagen. Auf Leute schiesse ich einfach nicht. Da habe ich ein ruhiges Gewissen.» Er war «geladen» und sein Gewehr offensichtlich auch. Dass er jemanden getroffen hatte, habe er nicht geahnt. «Ich ging ins Bett. Und dann war die Polizei da.»

Sechster Blick:
Irgendwie sympathisch wirkt dieser Mann, der ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, selbst auf Gericht und Geschworene. Ist er am ersten Tag noch verstockt und schweigsam, wird er mit der Zeit munter. Ein Herz von einem Menschen, finden offensichtlich sogar die Geschworenen, denen er mehr als einmal ein Lächeln abringt. Etwa wenn er nach dem Auftritt des Experten Golowin laut in den Saal ruft: «Der ist recht, der kann bleiben!» Der Staatsanwalt gibt Gegensteuer gegen die mögliche Wirkung dieses Sympathieprotzes: «Der Angeklagte zeigt keine Reue.»

Siebter Blick:
Sympathisch wirken auch die Jungen. Weisse, Gelbe, Braune, Schwarze, fast wie aus dem Multikulti-Kinderbuch. Sie kommen aus Sizilien, Venezuela oder Zürich. Heutige Vorstadtjugendliche eben. Vor Gericht etwas sprachgehemmt, wohl aus Furcht, sich selbst zu belasten. Ob sie eine Gang bildeten, bleibt unklar. «Golden Brothers» nannten sich einige von ihnen. Der junge Mann, der erschossen wurde, hatte eine Karateschule besucht. Keiner der Jungen hatte den Alteisenhändler persönlich gekannt, höchstens ein-, zweimal von oben herab gesehen. «Ich hatte nichts gegen ihn», sagt der Bruder des Erschossenen. Einer sagt, man habe jeweils abgemacht, den Zigeuner «stressen» zu gehen. Warum? «Es gibt einen Gruppendruck.» Junge am Rand der Gesellschaft bedrängen einen, der noch mehr am Rand lebt.

Achter Blick:
Es sei nicht nachvollziehbar, dass einer zum Gewehr greife, nur weil ihm Schimpfworte nachgerufen werden, sagt der Staatsanwalt. Doch es waren nicht gewöhnliche Schimpfworte. Man hat dem Mann nicht nur «Arschloch» und «Schaafseckel» nachgerufen. Sondern vor allem «Schiisszigüüner». Immer wieder. Im Chor. Der Richter fragt wiederholt: «Warum Schiisszigüüner?» Antwort eines Jungen: «Mehr aus Spass, wir dachten nichts dabei.» Ein anderer: «So wie wir es sahen, ist es nicht ganz normal, dass einer so im Wohnwagen lebt.»
«Du bist nicht einmal fünf Rappen wert!» musste sich Moser einmal anhören. Der Junge, der das gerufen hat, erklärt dem Richter: «Ich habe keine Aggression gegen Zigeuner, so etwas sage ich auch meinem Bruder, wenn ich sauer auf ihn bin.»

Der Adressat der Botschaft hat darüber nicht einfach die Schultern zucken können. Sein Volk wurde noch bis in die siebziger Jahre als minderwertig bezeichnet. Mosers Muttersprache ist das Jenische, das er fliessend spricht. Und er gehört zu den verbreitetsten Geschlechtern unter den Schweizer „Zigeunern“, allein in Obervaz gibt es mehrere hundert von ihnen. «Von Leuten als Schiisszigüüner bezeichnet zu werden, die im McDonald's das höchste Kulturgut sehen, ist bitter», erklärt der Schriftsteller Sergius Golowin. Moser wiederholt: «Ich wollte nur, dass man mich in Frieden lässt.» Es war «wie im Krieg», meint seine Lebenspartnerin.
Warum er sich denn nicht an die Polizei gewandt habe, wenn er doch immer so belästigt worden sei, fragt der Staatsanwalt einmal. Die Antwort ist offensichtlich: Ein Jenischer wendet sich nicht an die Polizei, seine Lebenserfahrung verbietet ihm das. «Mein Vater ist immer rechtzeitig in der Nacht mit uns abgehauen, damit sie uns Buben nicht erwischten», erzählt Moser. Vor wem hatten Sie damals Angst? «Vor der Polizei; sie schaute überall, wo die Kinder der Landstrasse sind.»

Und dann dieser Todesschuss. Hat Moser in Kauf genommen, dass Menschen sterben? Oder war es ein völlig ungewollter Unglücksfall? Der Experte fürs Waffentechnische erläutert mit Berechnungen und Schemas über Streubereiche, dass die Wahrscheinlichkeit, bei einem gezielten Schuss auf fünfzig Meter Distanz den Kopf des Jugendlichen zu verfehlen, praktisch ebenso hoch war wie jene, ihn bei einem ungezielten Schuss aus der Hüfte zu treffen.
«Der Täter hat den Tod von Unschuldigen in Kauf genommen», beharrt Staatsanwalt Weder. Der Verteidiger Franziskus Ott sieht es völlig anders: «Beim Schuss ist mein Mandant der Täter, in der Situation ist er ein Opfer.»

Beide Parteien sind ans Bundesgericht gelangt. Ein Jahr nach dem Urteil des Zürcher Geschworenengerichts stirbt der lungenkranke Mann, der seine letzte Zeit dank den Rekursen in Freiheit verbringen durfte.